Eine Tragödie des Alters und des Alterns
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: King Lear / König Lear: Engl. /Dt (Taschenbuch) Die Tragödie "King Lear" von William Shakespeare umfasst gleich zwei Tragödien: zum einen die Tragödie des starrsinnigen Lear, der seine treue Tochter Cordelia selbst verbannt und an den Folgen seiner Tat zerbricht, zum anderen die Tragödie des getäuschten Gloster, der von seinem unehelichen Sohn Edmund dazu gebracht wird, seinen treuen Sohn Edgar zu verstoßen. Die zweite Tragödie ist - einschließlich aller Elemente der wohl kalkulierten Intrige - mit derjenigen des alten Moor in Schillers "Die Räuber" zu vergleichen, der bekanntlich zur Marionette des hinterlistigen Franz wird. Die beiden Handlungsstränge sind, auch wenn sie weitestgehend parallel geführt werden, in einigen Passagen miteinander verknüpft. Die Tragödie des König Lear wird - auch wenn er letztendlich die Rolle des Opfers einnimmt, dem der Zuschauer mit Mitleid begegnen muss - von diesem selbst verursacht. Anlass für all sein kommendes Elend ist die eitle Aufforderung an seine Töchter, ein Loblied auf ihn, den mächtigen - wenngleich greisen - König und Vater, zu singen. Diejenige, die am schönsten "singt", man könnte auch sagen, die am aufdringlichsten schmeichelt, soll bei der anstehenden Aufteilung des Reiches bevorteilt werden. Am Anfang der Tragödie steht also ein höchst willkürlich eingeforderter Liebesbeweis, freilich ein Liebesbeweis des Wortes, nicht aber einer der Tat. Die Einsicht Lears in sein falsches Handeln, die ihm in lichten Momenten durchaus möglich wird, hat keine heilbringende Wirkung mehr. Zu spät entwickelt Lear die Fähigkeit des Mitempfindens, der Reue und der Umkehr. Seine Schuld am Los der Cordelia lässt ihn zerbrechen. Das Stück endet - vielleicht ohne ein gesundes Maß an poetischer Gerechtigkeit - in der Radikalität der meisten Tragödien Shakespears. Da Gutes und Böses unvermittelt nebeneinander stehen, ja sogar verwandt sind, kann nicht das eine isoliert siegen, das andere untergehen. In dieser Einsicht und in der Übersteigerung der menschlichen Abgründe, die aufgezeigt werden, liegt die Modernität des Stückes.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 13. Januar 2003
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